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Wie kommt das Internet aus der Buchse und wem gehört die Infrastruktur eigentlich?

Fotocredit: Virtual Net

Ethernet RJ45 Buchse

Das Internet ist in den letzten Jahren zum wichtigsten Informations- und Kommunikationsmedium geworden, aber kaum jemand weiß, wem das Internet eigentlich "gehört"? Der Fokus liegt in diesem Artikel bei der kritischen Infrastruktur, also den Leitungen, den Verteilerknoten, dem Backbone und der Verwaltung der Kernbereiche des Internets wie zum Beispiel des DNS.

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir kurz in die Geschichte des Internets zurückblicken.

Geschichte des Internets

Das Internet ist vereinfacht gesagt ein Zusammenschluss von "Autonomen Systemen" (AS), die sich untereinander ursprünglich im Sinne eines gleichberechtigten, globalen, aber dezentralen und ausfallsicheren Peer-to-Peer-Netzwerks vernetzen. Die Grundlagen dafür wurden in den 1960-er Jahren von der US-Militärforschung gelegt. Die Forschung wechselte dann aber relativ rasch in den universitären Bereich, was dann auch die Internationalisierung des Internets ermöglichte.

Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber erst einige Jahrzehnte später in den 1990-er Jahren mit der Entwicklung des World Wide Web (WWW) und es begann die Phase der Kommerzialisierung, die, wenn man so will, bis heute anhält.

Eine große Rolle spielte dabei das Aufkommen der Internet Service Provider (ISPs), die damals wie Pilze aus dem Boden schossen, und auch die traditionellen Telefon- und Kabel-TV-Anbieter sind dann rasch auf diesen Zug aufgesprungen, während der Trend zuletzt vor allem bei der letzten Meile Richtung mobiles Internet geht.

Wem gehört das Internet heute?

Das Internet gehört Telekommunikationskonzernen (Telcos), privaten Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen mit teilweiser staatlich-privater Kooperation.

Besonders interessant und wenig bekannt ist, wie der Backbone des Internets organisiert ist, also wie die Netze untereinander vernetzt sind. Die Autonomen Systeme können sich entweder direkt gegenseitig vernetzen (Transit) oder einen der über 570 Internet Exchange Points (IXP) auf der Welt nutzen, die die AS lokal untereinander verbinden (Peering). Die Teilnehmer müssen sich dann untereinander selber ausmachen, ob und zu welchen Bedingungen und Kosten sie Pakete austauschen bzw. weiterleiten. Telcos können sich aber auch außerhalb der IXPs bilateral vernetzen. Unterseekabel zwischen den USA und Europa werden ebenfalls von Telcos aber auch von IT-Konzernen wie Facebook oder Microsoft betrieben.

Global wird das Internet etwa von einem Dutzend gemeinnütziger privater Organisationen mit Hauptsitz USA verwaltet, die für die Standardisierung der Technologien/Protokolle, der Vergabe von IP-Adressen und der Verwaltung des Domain Name System (DNS) zuständig sind.

Das DNS wird von der ICANN verwaltet und einer Reihe von Registraren, so wie der NIC.at, die für die länderspezifische Domain .at zuständig ist. NIC.at wurde ursprünglich von der ISPA, der Vereinigung der österreichischen ISPs, als 100% Tochter der "Internet Privatstiftung Austria" gegründet.

Ist diese Organisation des Internets noch zeitgemäß?

Mit zunehmender Relevanz des Internets müssen wir uns irgendwann auch die gesellschaftliche Frage stellen, ob diese Form der Organisation noch zeitgemäß ist. Ich sehe das Internet inzwischen ähnlich wichtig (oder wichtiger) wie die Wasser- oder Stromversorgung. Bei Letzterer ist die Liberalisierung bereits weiter fortgeschritten, während bei der Wasserversorgung es eigentlich Konsens ist, dass das Grundbedürfnis Wasser besser staatlich organisiert sein sollte.

Ich glaube, dass wir bei der Organisation des Internets uns auch überlegen müssen, wie wir auf allen Ebenen genügend Wettbewerb sicherstellen können, dass sich keine einzelne Firma an dem Grundbedürfnis Internet auf Kosten der Allgemeinheit überproportional bereichert bzw. ob nicht Teile der Infrastruktur oder Verwaltung besser im Besitz des Staates aufgehoben wären.

Natürlich hat die jetzige Form auch Vorteile. Privatisiert läuft vieles effizienter und innovativer und schützt das Internet so besser vor staatlicher Zensur. Voraussetzung ist aber ausreichender Wettbewerb auf allen Ebenen (letzte Meile, Backbone, Internet Exchange, Tier 1, Verwaltung). Bei den Tier-1-Providern ist die Anzahl der Anbieter überschaubar, bei der Verwaltung des Internets ist ein Wettbewerb strukturell wenn überhaupt nur begrenzt gegeben (Registrare untereinander zum Beispiel, aber für jede länderspezifische ccTLD nur ein Registrar).

Überlegungen für ein besseres Internet

Ausreichenden und fairen Wettbewerb auf allen Ebenen des Internets sicherstellen. Nicht nur bei der letzten Meile, sondern auch beim Backbone, bei den Transit- und Peering-Verträgen. Diese Verträge unter Umständen veröffentlichen und die Konditionen im Sinne eines fairen Wettbewerbs vereinheitlichen.

In Österreich (und anderen Ländern) wird der Ausbau des Internets mit Milliarden subventioniert. Was passiert genau mit diesen Subventionen? Wem gehört die subventionierte Infrastruktur? Werden Subventionen gerecht vergeben?

Wäre es sinnvoll, wenn der Staat die Core-Infrastruktur des Internets ähnlich wie beim Wasser- und Stromnetz selbst betreiben würde, da im öffentlichen Raum nicht unendlich viele Leitungen verlegt werden können?

Wie kann man den Zugang zum Haushalt fair liberalisieren, dass sowohl das Telefon- als auch das TV-Kabel von anderen Anbietern genutzt werden können?

Potentiellen Interessenskonflikt regeln, da Telefon- und Kabel-Anbieter nicht nur den Internetzugang anbieten, sondern gegen einen kleinen Aufpreis oft auch als große Content-Provider von TV- und Video-Inhalten auftreten.

Wie kann man Netzneutralität sicherstellen und verhindern, dass Content-Anbieter den ISPs noch etwas zahlen müssen, damit der von den Kunden abgerufene Traffic bevorzugt behandelt wird, obwohl die Kunden des ISPs bereits für die Infrastruktur und Internetdienstleistung zahlen?

Fazit

Das Internet ist in den letzten Jahrzehnten ein Grundbedürfnis geworden, während die Infrastruktur in Österreich zunehmend privatisiert wurde. Private ISPs haben Großartiges geleistet, haben sich aber nach einer starken Wachstumsphase zu einem neuen Oligopol entwickelt. Liberalisierung und Regulierungsbehörden versuchen hier einen vernünftigen Interessenausgleich zu schaffen, der aber oft nur einen kleinen (zu kleinen) Teil der gesamten Problematik abdeckt (wie zum Beispiel Roaming-Gebühren für Sprachtelefonie zu regeln).

Weitere Ressourcen

27.01.2017 Virtual Net

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