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Beim E-Voting bzw. I-Voting, also der Möglichkeit, seine Stimme bei Wahlen auch übers Internet abgeben zu können, gibt es berechtigte Security-Bedenken. Was spricht aber für E-Voting?

Fotocredit: Virtual Net

Wien wählt: Wiederholung der Stichwahl der Bundespräsidentenwahl 2.10.2016

Werden wir in Zukunft statt per Stimmzettel online wählen können?

Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel geschrieben, warum der erste Versuch von E-Voting bei der ÖH-Wahl grandios gescheitert ist. Die Probleme liegen aber auch wie beim Briefwahlsystem, was letztes Jahr im Zuge der aufgehobenen und aufgeschobenen Bundespräsidenten-Wahl augenscheinlich wurde, vor allem bei der schlampigen (bis korrupten) Umsetzung.

Meine Position zu E-Voting hat sich aber in den letzten Monaten grundlegend gewandelt. Wenn es richtig implementiert ist, d.h. offen und transparent im Sinne von Open-Source und Open-Data, und dadurch von der Bevölkerung (und jedem Einzelnen) kontrolliert werden kann, kann ich dem Konzept durchaus etwas abgewinnen.

5 Gründe, warum E-Voting trotz allem kommen wird:

1. Jeder Lebensbereich wird digitalisiert und warum soll das nicht auch für demokratische Prozesse wie Wahlen gelten?

Klar gibt es auch bei E-Voting Sicherheitsbedenken, so wie bei allen anderen modernen sicherheitsrelevanten Computersystemen, wie der modernen Luftfahrt, bei (selbstfahrenden) Autos, die mittlerweile fahrende Computer geworden sind, oder beim Online-Banking oder E-Government. In Wahrheit vertrauen wir bereits in so vielen Bereichen unser Leben, unsere Gesundheit und unser Vermögen Computersystemen an, warum soll das ausgerechnet bei demokratischen Prozessen wie Wahlen nicht möglich sein?

2. E-Voting ist auf lange Sicht billiger und effizienter als die Papier- oder Briefwahl.

Die Entwicklung und Wartung von E-Voting kostet Geld. Allerdings ist auch das jetzige System nicht billig. Es müssen Millionen von Zetteln und Briefkuverts für jede Wahl gedruckt und verschickt werden. Auch das Auszählen der Stimmzettel ist nicht gratis. Ein auf Open-Source basierendes freies, dezentrales E-Voting-System könnte auf lange Sicht niedrige Grenzkosten haben, da sich die Anforderungen stabilisieren würden und in Folge auch die meisten Sicherheitsprobleme gelöst werden könnten. Idealerweise würde ein global akzeptiertes E-Voting-System aus der Open-Source-Community bzw. dem universitären Umfeld entstehen.

3. E-Voting könnte nachvollziehbarer und transparenter sein als das derzeitige (Brief-)Wahlsystem.

Die meisten Nachteile von E-Voting gelten auch für das Briefwahlsystem. Die abgegebenen Briefkuverts sind persönlich identifizierbar und wer weiß wirklich, ob der Brief überhaupt ankommt, der Kleber hält und dann richtig ausgezählt wird. E-Voting könnte hingegen den ganzen Wahlvorgang sogar transparenter machen und man könnte am Ende die gesamte Wahldatenbank anonymisiert veröffentlichen. Damit könnte erstens jeder Wähler überprüfen (zum Beispiel mittels Zeitstempel oder anonymer ID), ob seine Stimme richtig angekommen und gezählt wurde und zweitens könnten sich Manipulationen und Hackerversuche statistisch nachweisen lassen. Auch die dezentrale Organisation des traditionellen Präsenz-Wahlsystems ließe sich zum Beispiel auf Bezirksebene digital nachbilden und so Single-Point-Of-Failure/Manipulation vermeiden.

4. Mittels E-Voting ließe sich die Bürgerbeteiligung erhöhen, da es für die Bürger einfacher wird "wählen zu gehen" und für den Staat Wahlen durchzuführen.

Analog könnten auch Unterstützungserklärungen, Volksbefragungen und Volksbegehren von E-Voting profitieren. Ein effizienteres, einfacheres Wahlsystem, an dem mehr Menschen teilnehmen können, bedeutet auch ein Mehr an Demokratie.

5. Ob E-Voting kommt, ist keine technische Frage sondern letztendlich eine politische und gesellschaftliche Entscheidung.

Fazit: Mit der zunehmenden Digitalisierung wird es in Zukunft immer schwieriger E-Voting fundamental abzulehnen. Die Frage wird nicht sein, ob E-Voting kommt oder nicht, sondern die Frage muss lauten, wie kann es so umgesetzt werden, dass es möglichst sicher, transparent und effizient im Sinne von Open-Source und Open-Data ist und es nicht so gemacht wird wie bei der ÖH-Wahl ;)

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09.01.2017 Virtual Net

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